Warum Organisationen einen gemeinsamen Traum brauchen

Stimmt es, dass jede Organisation eine Vision braucht? Auch christliche Organisationen? Der Unternehmensberater und Christ Markus Buschmann ist fest davon überzeugt. Für ihn sind Visionen nicht nur eine Modeerscheinung, sondern ein Elixier für nachhaltigen Erfolg. Welche Dynamik eine Vision entfalten kann, erläutert er in diesem Beitrag.

Vielleicht kennen Sie das böse Wort des ehemaligen deutschen Bundeskanzlers Helmut Schmidt: „Wer eine Vision hat, der soll zum Arzt gehen.“ Er hat das nach eigenen Worten als „pampige Antwort“ auf die Frage eines Journalisten gegeben, wo denn seine große Vision sei. Wenn ich mir die Lage in der großen Politik, aber auch in vielen Unternehmen und Organisationen und sogar in Kirchen und Gemeinden so ansehe, dann scheint mir Schmidts Antwort völlig daneben. Denn es ist gerade der Mangel an einer Vision, die Politikern, Führungskräften und geistlichen Leitern das Leben so schwer macht.

Wo wollen wir denn hin? Was ist das große Bild, an dem wir uns orientieren sollen und auf das hin wir unsere Ressourcen einsetzen wollen? Ohne dieses Bild, ohne die Vision verplempern wir unsere Energie in kurzatmigen Geschäften. Am Ende des Tages fühlen wir uns erschöpft, wissen aber nicht, wofür wir letztlich den ganzen Einsatz gebracht haben.

Kennedy und Martin Luther King

Es gibt großartige Visionen, die Länder und sogar die Welt verändert haben. Zwei besonders bekannte möchte ich hier kurz vorstellen, weil ihre vibrierende Kraft auch heute, Jahrzehnte später, noch zu spüren ist. Am 25. Mai 1961  malte der damalige US-Präsident John F. Kennedy dem amerikanischen Kongress ein erstaunliches Bild vor Augen, als er sagte: „Ich glaube, dass dieses Land sich dem Ziel widmen sollte, noch vor Ende dieses Jahrzehnts einen Menschen auf dem Mond landen zu lassen und ihn wieder sicher zur Erde zurückzubringen.“

Diese Vision sank so tief in die US-amerikanische Gesellschaft ein, dass sie gleichsam eine ganze Nation in Bewegung setzte. Und wir wissen, wie die Geschichte ausgegangen ist. Am 20. Juli 1969 betrat Neil Armstrong als erster Mensch den Mond. Die Vision wurde sogar noch früher Realität, als Kennedy das anvisiert hatte. Ein unglaublicher Erfolg.

Am 28. August 1963 hielt Martin Luther King in Washington seine legendäre Rede „I have a dream“. Darin beschrieb er den Traum, dass seine vier Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird. Seine Vision von einem friedlichen Zusammenleben Menschen unterschiedlicher Herkunft entwarf er mit biblischen Bildern. Damit begeisterte er Massen für die Bürgerrechtsbewegung und leitete das Ende offizieller Rassendiskriminierung in den USA ein. Damit ist zwar nicht jede Diskriminierung verschwunden, aber die Chancen für Nichtweiße in Amerika sehen heute völlig anders aus als in den 1960er-Jahren. Die Vision Martin Luther Kings hat  eine ungeheure Dynamik entfaltet.

Visionen in der Wirtschaft

Und wie sieht es mit Visionen in der Wirtschaft aus? Viele Jahre habe ich leitend in einem Netzwerkunternehmen gearbeitet. Einer unserer Partner war die Firma Cisco. Sie hat sich vor über 25 Jahren eine wundervolle Vision gegeben: „Changing the way we work, live, play and learn!“ Zu deutsch: Die Art und Weise verändern, wie wir arbeiten, leben, spielen und lernen. Fällt Ihnen etwas auf? Hier kommt das Business überhaupt nicht vor. Es geht nicht um Umsätze, Unternehmenskäufe und schon gar nicht um Quartalszahlen. Es geht um eine Mentalität, um Sinn, um ein Denken in ganz großen Linien. Cisco ist übrigens heute ein weltweit führender IT-Konzern mit einem Jahresumsatz von 50 Milliarden US-Dollar.

Eine Vision ist das, was früher die Leuchttürme in der Seefahrt waren. Wenn es dunkel wird, wenn dichte Wolken und strömender Regen die Sicht erschweren, dann geben Leuchttürme Orientierung. Sie sind Leitpunkte am Horizont, die der Mannschaft zeigen, wo es langgeht. Eine Vision schafft dadurch auch Zusammenhalt, weil sie für alle und auf jeder Hierarchieebene die Richtung anzeigt. Eine großartige Vision inspiriert nicht nur Geschäftsführerin und Manager, sondern auch Hausmeister und Sekretärin. Jeder weiß, warum er etwas tut und welchem anspruchsvollen Ziel es dienen soll. Das kann sich sogar über Generationen hinweg fortsetzen.

Was macht eine gute Vision aus?

Dazu ein paar Gedanken, was meiner Ansicht nach wesentliche Bestandteile sein sollten:

  1. Eine Vision ist getragen von Werten, die die Welt besser machen sollen.
  2. Eine Vision hat keinen Eigennutz als Ziel, sondern orientiert sich am Wohl einer größeren Menge an Menschen (und manchmal sogar am Wohl der Menschheit insgesamt).
  3. Eine Vision vermittelt Sinn und Perspektive.
  4. Eine Vision ist die DNA einer Organisation. Sie ist sehr spezifisch und nicht austauschbar.

Den gemeinsamen Traum gemeinsam träumen

Und nun ein ganz wichtiger Punkt, der deutlich von meinen Eingangsbeispielen (John F. Kennedy und Martin Luther King) abweicht: Eine Vision wird nicht von einer einzigen Führungsperson geschaffen, sondern sie sollte von einem Team entwickelt werden. In Einzelfällen mag das Top-Down-System funktionieren – vor allem, wenn die Vision für alle erkennbar gut und inspirierend ist.

Entscheidend dabei ist nämlich, dass sich alle in einer Organisation diese Vision zueigen machen. Und das funktioniert in der Regel sehr viel besser, wenn auch alle bei der Entwicklung beteiligt sind. Dann ist es nicht nur die Vision des Chefs, sondern die Vision der Firma, der Gemeinde, der Organisation.

Ein schönes Beispiel dafür ist die Vision des Gründers des Christlichen Jugenddorfwerks Deutschland (CJD), Arnold Dannenmann. Er fasst sie in den Worten zusammen: „Keiner darf verloren gehen.“ Die Vision ist so stark, dass sich das CJD heute noch als Jugend-, Bildungs- und Sozialwerk mit fast 10.000 Mitarbeitern für benachteiligte junge Menschen daran orientiert. Dannenmann ist 1993 gestorben.

Was in schweren Zeiten hilft

Über einen Vorteil habe ich noch nichts gesagt: Eine Vision hilft auch in schweren Zeiten. Wir alle kennen ja Hochs und Tiefs im persönlichen Leben, aber auch in unseren Gemeinden, Firmen oder Vereinen. Die Geschäftszahlen stimmen nicht, Mitglieder verlassen den Verein oder die Gemeinde, es gibt Grabenkämpfe im Team, es wird immer schwerer, ehrenamtliche Mitarbeiter zu finden. Schnell kommt man an den Punkt, an dem man sich fragt: Wozu das alles? Eine tolle Vision beantwortet genau diese Frage und hilft deshalb, Durststrecken zu überwinden.

Ein Vision taugt natürlich nur dann, wenn sie gelebt wird.

Steht da nur ein protziger Text am Eingang des Unternehmens oder im Besprechungsraum, wirkt das am Ende eher lächerlich. Es spricht nichts dagegen, die Vision seines Unternehmens zu veröffentlichen. Das kann auch faszinierend sein für Menschen, die noch nicht dazugehören, die sich von der Vision aber angesprochen fühlen. Das kann ansteckend, ja gewinnend wirken. So eine Vision kann dafür sorgen, dass neue Mitarbeiter zu einer Organisation stoßen oder dass sich neue Spender begeistern lassen.

Vision als Therapie

Nur müssen wir authentisch mit der Vision umgehen, sie immer wieder thematisieren. Letztlich muss sie so treffend sein, dass sie eine Autorität in unserem täglichen Handeln darstellt. Und jede Entscheidung auf jeder Ebene muss sich die Konfrontation mit der Frage gefallen lassen: Was hat das jetzt mit unserer Vision zu tun?

Mit meinen Ausführungen konnte ich hoffentlich deutlich machen: Eine Vision bringt einen außerordentlichen Mehrwert in eine Organisation.

Um auf das Eingangszitat von Helmut Schmidt zurückzukommen, der gesagt hat, wer eine Vision habe, solle zum Arzt gehen: Es ist genau umgekehrt! Wer keine Vision hat, braucht Therapie. Denn einer Vision wohnt bereits etwas Therapeutisches inne. Sie klärt den Blick, sie bewahrt vor falschen Schwerpunkten und Irrwegen, sie weist als Leuchtturm zurück auf den richtigen Weg. Für eine Organisation – auch für eine christliche! – gibt es wenig Heilsameres als eine gesunde Vision.

Markus Buschmann, Jahrgang 1959, ist Unternehmensberater. Jahrzehnte hat er in Führungspositionen der IT-Branche gearbeitet. Der verheiratete Vater von drei Kindern gehört zur ICF-Gemeinde in Reutlingen und engagiert sich unter anderem beim Beraternetzwerk „xpand“.

Auszug aus dem Ursprungstext: Faktor C // Heft 4 // Dezember 2018 // Text: Markus Buschmann

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